Peter Rüedi schreibt im NZZ FOLIO vom Mai 2002 (gekürzt, aktualisiert und ergänzt):
MEINRAD C. PERLER, kommt zwar aus einer Bauern-familie in Estavayer: Sechs Kinder, zwei Mädchen und vier Buben. Er selbst landete zuerst im Finanzgeschäft. Wenn er aber heute von seinem «Tenimento dell'Ör», einem besonders schönen, mikroklimatisch und geologisch interessanten Weinberg zwischen Arzo und Besazio, im Süden den Siedlungshaufen Chiasso sieht, ist dies kein Blick ins Gelobte Land. Eher im Gegenteil. Als er den verlotterten Betrieb "Ör" (Gold) kaufte, schaffte er sich auch Feinde. Die Umweltschützer haben nicht verwunden, dass er seinen Besitz eingezäunt hat (als könnte jeder durch Château Haut-Brion spazieren), und sie wollen nicht wahrhaben, dass der Querein-steiger im Wesentlichen gerade die Verhältnisse wiederherstellt, die vor der Reblauskatastrophe herrschten. Der Tenimento dell'Ör ist schon im 17. Jahrhundert belegt. Seinen Keller darf Perler von 200 nur auf 600 Quadratmeter ausbauen, wo doch das Zweieinhalbfache eben ausreichend wäre für die 80 000 Flaschen jährlich. Die Laune verdirbt ihm das nicht, der Zukauf von 9 Hektaren ist in Sicht, ein Ende des Aufstiegs nicht abzusehen.
1986 begann Perler ernsthaft über Weinbau nachzudenken, und zwar nicht über die Produktion von Dutzendware, sondern über das Besondere, das der Betrieb durch seine Hartnäckigkeit, etwas Glück und Hilfe heute ist. Seine Rebberge im Südtessin umfassen jetzt im Ganzen 11 Hektaren, bei 7 Fest-angestellten. Der wichtigste Mitarbeiter war Rainer Zierock, ein genialer Exzentriker und Tüftler der Önologie. Er erkannte das Potential des Weinbergs, kelterte eine homöopathische Menge von einem Merlot Riserva 1994, den das Fachblatt «Weinwisser» auf Anhieb mit 19 Punkten (von 20 möglichen) auszeichnete, und begründete einen Mustergarten, der heute 600 verschiedene Weinsorten und Klone enthält. Seit einigen Jahren amtiert nun Sacha Pelossi als kundiger Kellermeister. (1995 kelterte Pelossi seinen ersten eigenen Wein. Heute ist er selbständig.)
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«Ör» bietet 17 Weine an, darunter neben dem Spitzenmerlot Merlot Riserva aus der Barrique den Sottobosco aus Merlot, Cabernet Sauvignon und Petit Verdot; den wohl besten Syrah des Tessins; einen barriquierten Pinot nero (ein besonderes Kunststück im feuchten Tessin);den Granito, eine Assemblage aus Sauvignon, Chardonnay, Pinot bianco und Pinot grigio, den Süsswein Millefiori einem Grauburgunder (40%) Gewürztraminer (50%), Scheurebe (10%) - Assemblage, eînen reinen Gewürztraminer V.T., einen Moscato aus 3 verschiedenen Klonen, und so weiter...
2013 konnte der neue Keller in Genestrerio bezogen werden. Dieser wird auf der Agriloro-Homepage mit Fotos von Meinrads Sohn Jacques Perler plastisch vorgestellt. Dürfte man die Weine nur eines Produzenten trinken, würde die Wahl auf Meinrad Perler fallen. Und das sogar dann, wenn man diesen welschen Charmebolzen nicht persönlich kennen würde!